Wie sich die Philosophie und der Rechtsstaat über Klassenkämpfe und Klassenkompromisse weiterentwickelten.

Abendroth beschäftigt sich mit der Zeit der Restauration der Bourbonen in Frankreich (1814 – 1830). Mit der Restauration wurde die Königsherrschaft in Frankreich wiederhergestellt und eine neue Phase politischer Repression eingeleitet.
Trotzdem blieben gewisse Zugeständnisse an die Periode der Französischen Revolution erhalten: Ansätze einer „systematisierten Verrechtsstaatlichung“ wie der Code Napoleon, ein vom Adel beherrschtes Parlament, in dem aber zumindest offen diskutiert werden konnte.

Doch Abendroth interessiert sich vielmehr für die nun folgenden Klassenauseinandersetzungen. Aus der ökonomischen Krise von 1825 wuchs in der französischen Bourgeoisie, vor allem im Bankkapital, eine Opposition gegen die Krone.

1830 rebellierten die Handwerker. Aus den gesellschaftlichen Widersprüchen entwickelten sich neue, untereinander konkurrierende Philosophien im gebildeten Bürgertum (Saint-Simonismus, Fourierismus, Proudhonismus), die sich mit der neuen Realität der entstehenden kapitalistischen Konkurrenzwirtschaft auseinandersetzten.
Dieses Denken wirkte in die französische Unterklassen hinein, die schließlich 1830 rebellierten. Allerdings nicht „unionistisch“ mit Lohnkämpfen, hier fehlten laut Abendroth die klaren Vorstellungen. Und auch die Gewerkschaftsidee sei im Vergleich zu England wenig entwickelt gewesen. Vielmehr rebellierten die Unterklassen in einem politischen Aufstand gegen die Bourbonen.

Die französische Bourgeoisie bediente sich dieses Aufstands. Sie konnte einen anderen König durchsetzen und die Oberklassen bekamen mit dem bürokratischen Staatsapparat das Heft wieder in die Hand. Es kam weiter zu einem Kompromiss zwischen dem Bankkapital und den aufstrebenden industriellen Kapitalisten und diese konnten eine für die Bourgeoisie viel günstigere Verfassung erzwingen.
Die Arbeiterklasse wurde dagegen um die Erfolge ihres Kampfes geprellt. Daran änderte auch der Streik von 1831 nichts. Dieser Streik wurde brutal unterdrückt.

Abendroths Darstellung endet mit einer Kritik an der Konzeption der Menschenrechte der Liberalen. Diese blieben eingeschränkt und waren damit noch keine allgemeinen Menschenrechte: Sie galten immer nur für das liberale Bürgertum und nicht für die Unterklassen. Ebenso wenig galten sie für die kolonialen Bevölkerungen.
Die Ermordung der Urbevölkerungen, so Abendroth, entspreche in etwa den Verbrechen der Nazis in Osteuropa. Doch trotz des Ausmaßes berührte das die Liberalen genauso wenig wie die Unterdrückung der Unterklassen

Auf das Scheitern der Streikbewegung und dem neuen ökonomischen Aufschwung musste eine neue Periode der französischen Arbeiterbewegung folgen.

In diesem Abschnitt wird Abendroths Zugriff auf die Geschichte deutlich:

  • Gesellschaftlicher Fortschritt bedeutet für Abendroth, dass  Ausschlussrechte und Privilegien der Oberschichten zu Rechten aller werden.
  • Krisen und Klassenbewegungen geben Impulse für neue politische Analysen.
  • Verfassungen sind Ergebnisse von Klassenkämpfen, Bündnissen und Klassenkompromissen, bei denen die Arbeiterklasse lange Zeit ausgeschlossen war.

Ein solcher Zugriff hat seine Wurzeln in der Geschichtsschreibung von Karl Marx und Paul Levi. Abendroths besonderer Beitrag ist dabei, dass er als Juristen der Entwicklung des Rechtsstaats und der Entwicklung demokratischer Verfassungen als Ergebnis von Klassenkämpfen eine besondere Bedeutung beimisst.

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Wolfgang Abendroth (1997): Einführung in die Geschichte der Arbeiterbewegung, Bd. 1, 2. Auflage, Heilbronn, 41ff.