Die Veränderung eines Staatsapparats setzt voraus, sich mit der Sozialisation und den Strukturen in Verwaltungen zu beschäftigen.

Emanzipationsbewegungen treffen oft auf vehementen Widerstand in Staats- und Wissenschaftsapparaten. Abendroth widmet sich in seiner Vorlesung kurz der Frage, warum fortgeschrittene Analysen wie die gesellschaftlichen Analysen von Marx und Engels oft in der Institutionenwelt nicht ankommen.

Nach einer Ausführung über die Interessen der deutschen Liberalen und ihrer Ablehnung der demokratischen Bewegungen von unten schwenkt er kurz zur Rolle der bürokratischen Eliten im Deutschen Bund, die Abendroth als Beispiel nimmt, um daraus eine verallgemeinerte polemische Kritik an dem begrenzten Denken von Bürokratien zu formulieren.

Die „Verblödung der Bürokratie“ – die im 19. Jahrhundert nicht anders sei als in der Gegenwart – erklärt er mit den Zwängen und der Sozialisation in der Bürokratie. Bürokratien könnten nicht langfristig denken und seien in ihren Ressorts gefangen. Zudem stammte der große Teil der Bürokratie de 19. Jahrhunderts aus dem Feudaladel und dieser brachten u.a. auch alle Vorurteile mit, die dem Feudaladel von Jugend an zu eigen waren. Selbst wenn die einzelnen Bürokraten aus bürgerlichen Schichten kamen, lebten diese mehrheitlich in einer monarchistischen Vorstellungswelt.

Diese Mechanismen erreichten auch immer die Wissenschaft, weil Professoren kurz gesagt die Verwalter der Wissenschaft seien. Abendroth verweist hier speziell auf die ökonomischen Wissenschaften: Diese prophezeihten zu jeder Zeit, damals wie heute, dass der jeweilige Aufschwung ewig anhalte und das aktuelle ökonomische System stabil sei. Kaum eine ökonomische Krise sei je von den ökonomischen Wissenschaften vorhergesagt oder verstanden worden, so Abendroth

Daher müsse jeder, der in eine Bürokratie gelangt, diese Mechanismen kennen und sich immer wieder kontrollieren. Dann könne man diese Tendenzen in den Griff bekommen.

Wir sehen hier zwei Themen, die Abendroth in seinen historischen Darstellungen immer wieder aufgreift:

  • Die Sozialisation von Beamten und Bürokraten ist für ihn von großer Bedeutung. Für Abendroth ist es wichtig, dass im Staatsapparat permanent Menschen aus anderen Klassen und mit demokratischem Denken installiert werden, damit der Staat demokratisch wird oder bleibt, und nicht wie in der Weimarer Republik von monarchistischen und reaktionären Bürokraten von innen heraus zerstört werden kann.
  • Zum anderen geht es Abendroth um die ökonomischen Wissenschaften. Der Kapitalismus erzeugt, wie er betont, immer wieder tiefgreifende Krisen. Ohne eine Analyse des Systems, wie es zuerst Marx umfassend gemacht habe, könne man aber die Ursachen der Krisenhaftigkeit nicht erkennen und erklären und sei immer wieder überrascht.

Diese Auffassung war zur Zeit der hier aufgezeichneten Vorlesung (1978) eine absolute Minderheitenmeinung. Sozialpartnerschaft, Wirtschaftswunder, wachsender Konsum und deutliche Lebensverbesserungen für die Arbeiterschichten ließen den Eindruck entstehen, dass der Kapitalismus seine Krisenhaftigkeit endgültig überwunden habe und auch die Zeit der Klassenkämpfe endgültig der Vergangenheit angehören. Erst heute, in der Krisenphase des Neoliberalismus, erhalten Aussagen von Marxisten wie Abendroth wieder mehr Aufmerksamkeit.