Wolfgang Abendroth: Drei Faktoren trugen zum Scheitern der Deutschen Revolution von 1918/19 bei. Unter anderem fehlten konkrete Vorstellungen, wie man zum Sozialismus gelangt.

Als 1918 die Arbeiter in die deutschen Innenstädte zogen und sich die Soldaten in den Kasernen anschlossen, hatte die Revolution gesiegt und die Monarchie war beseitigt. In Berlin bildete sich am 10. November 1918 der Rat der Volksbeauftragten mit je drei Vertretern von USPD und MSPD. Entsprechend waren die Arbeiter in Deutschland zu diesem Zeitpunkt überzeugt, dass nun die sozialistische Revolution beginnen könne.

Abendroth beschäftigt sich in dieser Vorlesung mit der Frage, warum die sozialistische Revolution trotzdem ausblieb.

 

Er sieht – erstens – eine Ursache im Fortbestand des Staatsapparats und der mangelnden Repräsentanz der Arbeiter in diesem Apparat.

So übten zwar die Betriebs- und Soldatenräte seit der Revolution formal die Macht aus. Aber, wie Abendroth betont, der Beamtenapparat des alten Reichs und der Länder und der Offiziersapparat in der Armee waren intakt geblieben. Auch die Oberste Heeresleitung bestand personell unverändert weiter fort. Man kann Abendroth ergänzen: Diese Apparate waren weiterhin nur mit Personen besetzt, die antidemokratisch sozialisiert waren.

An dieser Stelle kritisiert Abendroth vor allem das politische Handeln Friedrich Eberts. Nicht nur, dass durch seine Politik die personelle Kontinuität im Staatsapparat erhalten blieb, Ebert paktierte auch noch im Hintergrund mit der militärischen Führung gegen die revolutionäre Bewegung. Abendroth erinnert daran, dass Friedrich Ebert eine telefonische Geheimverbindung zur Obersten Heeresleitung hielt, über die auch seine Kollegen im Rat der Volksbeauftragten nicht informiert waren, um so hinter den Kulissen mit den reaktionären Kräften bei der Zurückschlagung der Revolution zusammenarbeiten zu können.

Eine andere – zweite – Ursache für das Ausbleiben einer sozialistischen Revolution sieht Abendroth in den ungenauen Vorstellungen zum Übergang in eine andere Wirtschafts- und Sozialordnung.

Die Arbeiter und Soldaten seien sich zwar über das Ende der Monarchie einig gewesen. Sie waren sich auch über das Ende des alten Verwaltungsapparats und der alten Armee einig. Und die große Mehrheit habe laut Abendroth auch den Übergang zu einer grundsätzlich neuen Gesellschaftsordnung gewollt.

Doch über die einzelnen Formen des Übergangs zum Sozialismus war man sich zu diesem Zeitpunkt nicht im Klaren. Und man hatte auch keine Erfahrungen, auf die man zurückgreifen konnte. Man habe nur gewusst, dass zumindest die großen Konzerne, die Grundstoffindustrien und Banken enteignet und vergesellschaftet werden müssten. Es hätte jedoch keine Vorstellungen über konkrete Schritte einer Überführung in gesellschaftliches Eigentum gegeben und auch keine Vorstellungen, wie die künftige politische Form des Reiches aussehen sollte.

Abendroth erklärt – drittens – diesen Mangel der politischen Vorstellungen auch mit der Loslösung der sozialdemokratischen Partei vom marxistischen Denken. Vor dem Krieg löste sich für ihn der parteiinterne Konsens auf, dass sich Veränderungen nicht von alleine geschehen, sondern sich nur mit Hilfe sozialer Kämpfen durchsetzen lassen.

Abendroth erinnert zunächst an die großen Debatten zur Zeit des Kaiserreichs über die Einschätzung des Monopolkapitalismus und des Imperialismus – mit Rosa Luxemburg auf der einen und Rudolf Hilferding auf der anderen Seite; mit dem späteren marxistischen Zentrum um Karl Kautsky dazwischen. Trotz der Diskussionen hätten sich noch keine scharfen politischen Differenzierungen und Gegensätze entwickelt. Abendroth betont, dass sich die Mehrheit der Sozialdemokratischen Partei und auch die Parteiführung in dieser Periode grundsätzlich als Marxisten verstanden. Die bürokratischen Revisionisten um Friedrich Ebert oder Philipp Scheidemann hätten über lange Zeit nicht die führende Gruppe gebildet.

Nach der Russischen Revolution von 1905, nach der Massenstreikdebatte und beim Bergarbeiterstreik von 1905 hätten sich aber die Verhältnisse in der Partei verändert, so Abendroth. Von da an habe der Parteiapparat begonnen, vorsichtiger zu operieren und den Marxismus in eine abstrakte Prognose transformiert. Der Parteiapparat habe den Marxismus umgeformt: aus einer „Handlungsanweisung“ wurde für ihn eine bloße Erwartungsideologie. Dazu passte, dass die Arbeiterklasse nicht mehr als revolutionär handelnde Klasse in Betracht gezogen worden sei.

So seien am Ende des ersten Weltkriegs mehrere Tendenzen nebeneinander gelaufen: eine bloße Erwartungstendenz hinsichtlich der Entwicklung zum Sozialismus und eine aktivistische Tendenz. Und so spalteten sich die beiden Parteien MSPD und USPD etwa im Rat der Volksbeauftragten auch noch in sich.

Für Abendroth ist die historische Erfahrung der gescheiterten Deutschen Revolution von 1918 außerordentlich bedeutsam für die politische Praxis. Sie zeigt für ihn, dass für jede Veränderung der konkrete Wandel vorstellbar sein muss und dass in den Apparaten Menschen positioniert sein müssen, die den konkreten Wandel aufgrund ihrer Sozialisation unterstützen.

Ferner sind für ihn das Wissen über die Grundprobleme des kapitalistischen Systems, ein Denken in Klassenkämpfen und die Vermittlung von Erfahrung aus politischen Kämpfen Voraussetzung für eine erfolgreiche gesellschaftliche Transformation. Für Abendroth fehlten diese Kenntnisse bei zu vielen Funktionären der Arbeiterbewegung in den Jahren 1918/19.

 

Weiterlesen

Wolfgang Abendroth (1997): Einführung in die Geschichte der Arbeiterbewegung, Bd. 1, 2. Auflage, Heilbronn, 167ff.