Marxistische Gewerkschaftstheorie 1: In diesem Seminar skizziert Abendroth die Grundlagen der theoretischen Überlegungen über Gewerkschaften von Marx und Engels.

Abendroths Ausführungen in diesem Tondokument haben eine Leitfrage, die er zu Beginn so formuliert: „Was heißt eigentlich marxistische Gewerkschaftstheorie und was sagt sie heute?“

Er beginnt mit Marx und Engels und verdeutlicht zugleich, wie ein nicht-orthodoxer Umgang mit den sozialistischen Klassikern, mit Theorien und Ideen aussieht.

Marx und Engels hätten ihre Auffassung über die gesellschaftliche Rolle von Gewerkschaften aus ihren zeitgenössischen Erfahrungen und somit aus bestimmten Widersprüchen einer bestimmten Periode heraus entwickelt. Sie seien jedoch überzeugt gewesen, dass diese Widersprüche in ihrer Basis solange fortbestehen, wie eine kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung funktioniere.

Marx und Engels böten mit ihrer Gewerkschaftstheorie einen methodischen Ansatz, aber keine Schablone und kein einfaches Modell. Man könne laut Abendroth von ihnen keine unmittelbaren Anweisungen ableiten, die für alle Länder und für alle Zeiten gelte. So stelle sich beispielsweise Gewerkschaftspolitik in der Periode des liberalen Kapitalismus anders dar, als in der Phase des Monopolkapitalismus.

Folgt man Abendroths weiteren Ausführungen, sind folgende Grundthesen für die Gewerkschaftsauffassung von Marx und Engels kennzeichnend:

  1. Mit Marx und Engels rücken die Bewusstseinsprozesse, die sich bei gewerkschaftlichen Kämpfen entwickeln, in den Mittelpunkt.

Marx und Engels hätten gewerkschaftliches Bewusstsein als eine besondere Bewusstseinsform verstanden, in der sich die Arbeiterklasse ihrer objektiven Klassenlage bewusst wird. Dieses Bewusstsein hat zunächst nur das Ziel, innerhalb der kapitalistischen Arbeitsbedingungen das Optimum durchzusetzen: Man will über Arbeitskämpfe den höchsten Preis für die Ware Arbeitskraft erreichen und den Wert der Ware Arbeitskraft möglichst optimal realisieren.

Daher beschäftigt Abendroth im weiteren Verlauf des Seminars die Frage, wie ein gewerkschaftliches Bewusstsein zu einem politischen Bewusstsein erweitert werden kann.

  1. Marx und Engels betrachten Klassenkämpfe als die zentrale Bedingung für den sehr langwierigen historischen Prozess in Richtung einer sozialistischen Gesellschaft.

Marx und Engels hielten einen plötzlichen Sprung in eine sozialistische Gesellschaft nicht für möglich. Vielmehr konnte für sie ein grundlegender Wandel der Gesellschaft nur über Zwischenschritte und Klassenkämpfe erreicht werden. In diesem langen historischen Prozess müsste die Arbeiterbewegung aufgrund der Kräfteverhältnisse immer wieder Kompromisse eingehen. Die Kräfteverhältnisse würden sich jedoch zugunsten der Arbeiterbewegung verschieben, wenn sie lernt, erfolgreiche Klassenkämpfe zu führen, in denen sich die Arbeiter ihrer Macht bewusst werden und dabei lernen, ihre Macht einzusetzen.

Es ist Abendroths erklärtes Ziel, dass sich die Arbeiterklasse in diesen Kämpfen von einer Klasse an sich zu einer Klasse für sich entwickle. Eine Gewerkschaftsbewegung müsse immer im Auge behalten, dass sie über Kämpfe Klassenbewusstsein entwickeln muss, da sonst die führenden Klassen über sie verfügen. 

  1. Marx und Engels betrachteten den Staat nicht einfach als repressiven Gegenspieler. Ihr politisches Ziel war immer, die Ergebnisse von Klassenkämpfen in die Gesetzgebung einfließen zu lassen.

In den Augen von Abendroth vertraten Marx und Engels die Auffassung, dass alle erkämpften Verbesserungen der Arbeitsbedingungen am Ende immer durch die öffentliche Gewalt gesichert werden müssen. Durch eine entsprechende Gesetzgebung stabilisiere der Staat die Ergebnisse von Klassenkämpfen, also sei es auch eine Aufgabe von Gewerkschaften, auf die Gesetzgebung des Landes Einfluss nehmen.

Abendroth zeigt, dass diese Erkenntnis zu Zeiten von Marx und Engels keineswegs selbstverständlich war. Denn gerade im 19. Jahrhundert kämpften die jungen Gewerkschaften um ihre Legalität gegen Staaten, die versuchten, jede Form gewerkschaftlicher Organisation zu unterbinden. Und so sahen einige Zeitgenossen von Marx und Engels schon im Appell an den Gesetzgeber einen Verzicht auf einen wirksamen Klassenkampf.
Andere vertraten auch die Auffassung, dass bereits kollektive Arbeitsverträge unnötige Kompromisse seien. Wieder andere hielten Klassenkampf generell für unnötig.
Daher seien sich die Gewerkschaften erst nach einiger Zeit ihrer Aufgabe bewusst geworden, ihre Kampfergebnisse auch rechtlich zu fixieren.