Marxistische Gewerkschaftstheorie 2: Wolfgang Abendroth entwickelt in diesem Beitrag den Unterschied zwischen gewerkschaftlichem und politischem Klassenbewusstsein. Er rekonstruiert aus den historischen Tendenzen des Kapitalismus die Notwendigkeit des Kampfes um die Reduktion der Arbeitszeit und wirft einen Blick auf die Folgen der Automatisierung.

Abendroth schließt in dieser Sequenz des Seminars zur marxistischen Gewerkschaftstheorie  zunächst noch einmal an seine vorherigen Aussagen an: Marx-Engelsche Gewerkschaftstheorie sei eine Theorie, die der Praxis gewerkschaftlicher Arbeit und der Konstituierung der Gewerkschaftsbewegung in der Phase des liberalen Kapitalismus eine Basis bieten will.  Und sie ziele von vornherein nicht darauf ab, bestimmte und genaue Rezepte ein für alle Mal und für jeden Ort dieser liberal-kapitalistischen Gesellschaftsordnung vorschreiben zu wollen.

Die Marx-Engelsche Gewerkschaftstheorie sieht sich als Beitrag zu einem geschichtlichen Prozess. In diesem Prozess gehe es darum, die Arbeiterklasse aus einer Arbeiterklasse „an sich“, die ein reines Objekt des Handelns anderer Klassen ist, in eine Arbeiterklasse „für sich“, die ihren eigenen Lebensraum verbessert und erstreitet, umzuwandeln.
Dabei vertraten Marx und Engels die Meinung, dass diese Umwandlung in eine Arbeiterklasse „für sich selbst“ vor allen Dingen gewerkschaftlicher Arbeit bedarf.

Marx und Engels seien weiter der Ansicht gewesen, dass die Arbeiterklasse in ihren Kämpfen nicht nur Forderungen an die Gegenklasse, sondern auch Forderungen an die öffentliche Gewalt zu richten hat. Und infolgedessen bedarf die Arbeiterklasse über das gewerkschaftliche Bewusstsein hinaus eines besonderen politischen Bewusstseins und muss politische Organisationen entwickeln.

Für Wolfgang Abendroth ist die systematische Entwicklung des Klassenbewusstseins in der Arbeiterklasse von so zentraler Bedeutung, dass dieses Thema sein ganzes Seminar zur marxistischen Gewerkschaftstheorie durchzieht.

In diesem Seminarabschnitt macht er klar, dass man – zumindest nach Meinung von Marx und Engels – in den Gewerkschaften nicht den gleichen Reifegrad des Klassenbewusstseins erwarten kann, wie in den politischen Organisationen der Arbeiterbewegung. Man könne kein voll entwickeltes politisches Klassenbewusstsein verlangen,

„denn die Handlungsfähigkeit der gewerkschaftlichen Organisationen hängt ja davon ab, dass sie möglichst ihrer Stärke nach mit der Stärke der arbeitenden Bevölkerung in der Gesamtgesellschaft identisch sind; also auch zurückgebliebenere Teile der Arbeiterklasse umfassen und durch ihre Kämpfe weiterbilden.
Das ist zunächst einmal ihre Grundvorstellung von der aus dann jeweils zu verfahren ist. Und von der aus auch durchaus mit anderen Vorstellungen über die Rolle der Gewerkschaften diskutiert werden soll – vom Standpunkt von Marx und Engels aus gesehen.
Eventuell auch in den gleichen Organisationen, denn da man ja von Gewerkschaften kein voll entwickeltes politisches Klassenbewusstsein erwarten kann, muss man also auch in den gewerkschaftlichen Organisationen, gerade damit die Arbeiter lernen können, die Freiheit der Diskussion auch für andere Auffassungen erhalten, wenn man nur die Einheit gewerkschaftlicher Aktion erhalten kann.“

Nach diesen Ausführungen wechselt Abendroth thematisch zu den Entwicklungstendenzen des Kapitalismus.

Dabei macht er klar, dass nach Marx und Engels erstens die Tendenz der Konzentration und Zentralisation des Kapitals ständig fortschreitet und sich automatisch in jeder kapitalistischen Produktionsweise fortentwickelt. Und sie sahen eine zweite Entwicklungstendenz: die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit wird durch den technologischen Fortschritt auch für den abhängig Beschäftigten geringer.

Abendroth empfiehlt an dieser Stelle den Seminarteilnehmer(inne)n, in den Grundrissen der politischen Ökonomie nachzulesen bis zu welchem Extrem diese Reduktion der gesellschaftlichen Arbeitszeit nach Auffassung von Marx und Engels führen kann. In den Grundrissen hätten sie eine extrem automatisierte Gesellschaft vorprognostiziert.

Zusammen mit der Tendenz der Zentralisierung des Kapitals verschiebt sich damit für Abendroth auch in weitem Maße der Inhalt der Klassenauseinandersetzung. So wird es immer mehr zu einer der wichtigsten Aufgaben der gewerkschaftlichen Organisationen, entsprechend dieser Tendenz zur Reduktion der gesellschaftlichen Arbeitszeit auch die faktische Arbeitszeit der arbeitenden Bevölkerung zu vermindern.

Gelingt es der Arbeiterklasse nicht, diese Entwicklungsreihen ins Gleichgewicht führen, so würde sich die Verelendung der Arbeiterklasse ins Extrem erstrecken, weil dann die Arbeitslosenzahlen ins Ungemessene steigen würden und die Arbeitslosenzahlen auf die im Industrieprozess stehende Bevölkerung als Drohmittel zugunsten der Kapitalisten und zur Reduktion der materiellen Bedingungen der arbeitenden Bevölkerung eingesetzt werden könnte:

„So wird also das Problem der Reduktion der Arbeitszeit zu einem der Zentralprobleme gerade des gewerkschaftlichen Kampfes. Es wird dies umso mehr, wenn neue Stufen der kapitalistischen Entwicklung eintreten.“

Und für die Gewerkschaften werde in der monopolkapitalistischen Phase noch ein weiterer Problemkreis wichtig: Abendroth erinnert die Seminarteilnehmer, dass sie sich in einer historischen Periode befänden, in der die ständige Fortentwicklung von Wissenschaft und Technik, genauer die Umwandlung von Wissenschaft in eine Produktivkraft, immer größere Ausmaße annimmt. Hierzu finde man zwar Anhaltspunkte in den Grundrissen, aber natürlich gäbe es für diese Periode keine von Marx und Engels entwickelte Gewerkschaftstheorie mehr.

„Aber man kann […] [bei Marx und Engels] finden, dass je mehr sich durch die Automatisierung, wie man heute sagen würde, die notwendige Arbeitszeit reduziert und fast auf einen Nullwert absinkt, die Gefahr für die öffentliche Gewalt aus diesen Widersprüchen durch die Irrationalisierung anderer Widersprüche auszubrechen immer stärker wächst.“

Vor diesem Hintergrund würde es immer wichtiger, vom Standpunkt der Arbeiterklasse aus Einfluss auf das Bildungs- und Ausbildungswesen zu nehmen.