Marxistische Gewerkschaftstheorie 4: Man kann über Klassenkämpfe das Bewusstsein zu höheren Reifegraden und zu höheren politischen Forderungen führen.

Die Diskussion der Teilnehmer des Seminars zur marxistischen Gewerkschaftstheorie streift die Frage des Verhältnisses von Lohnkämpfen zu politischen Kämpfen.

Hier vertritt Wolfgang Abendroth die Auffassung, dass Lohnkämpfe aus marxistischer Sicht immer eine politische Bedeutung hätten, weil Lohnkämpfe das Klassenbewusstsein – also die Selbsterfahrung als handelnde Klasse – und damit die Kräfteverhältnisse der Klassen beeinflussten. Sogar die Arbeitgeber wiesen oft darauf hin, dass der jeweilige Lohnkampf in Wirklichkeit ein politischer Kampf sei. Sie machten dies aber, um die Lohnkämpfe zu diskreditieren, da die Mehrheit der westdeutschen Gesellschaft – gerade in den 1970er Jahren – politische Kämpfe für verdächtig hielt.

Deshalb plädiert Abendroth dafür, dieser Argumentation nicht auszuweichen, sondern darauf zu verweisen, dass man auch am Verhalten der Unternehmer sehen könne, dass dieser konkrete Lohnkampf auch seine politische Funktion habe, obwohl er zunächst nur ein ökonomischer Kampf sei.

Abendroth warnt jedoch vor Kurzschlüssen. Die Entscheidung einen Arbeits- oder Lohnkampf zu führen, sei taktisch immer gut abzuwägen. Man müsse nicht immer und zu jeder Zeit einen Arbeitskampf führen, weil immer immer die Gefahr bestehe, dass die Arbeiterklasse durch  Niederlagen in ihrer Bewusstseinslage zurücksinke.

Abendroths Ansatz ist es daher, je nach Ausgangslage, systematisch und Schritt für Schritt vorzugehen. Ein ökonomischer Kampf mit relativ geringen Forderungen, den man gewinnen kann, könnte ein Motor sein, um in einer nächsten Stufe viel größere Forderungen durchzusetzen, wenn man die Bewusstseinslage verbessert hat. Und in weiteren Schritten müsse es eben nicht bei ökonomischen Forderungen bleiben:

„Gewerkschaftliches Bewusstsein, zunächst rein nur ökonomisches Bewusstsein, ist immer auch ein Transformationsmittel zu politischem Bewusstsein. Und das muss man auch in der Gewerkschaftsbewegung wissen.“

Abendroth zeigt daraufhin anhand historischer Beispiele wie politisches Bewusstsein aufgebaut und wieder verloren wurde und wie kompliziert die Entscheidungslage in der jeweiligen historischen Situation sein kann. Er erinnert etwa an die Erfahrungen der Novemberrevolution 1918: Hier hätten zunächst die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter die Republik ohne die Leitung des ADGB erkämpft. Die Arbeiterklasse fiel dann aber wieder hinter diese Bewusstseinsstufe zurück und wurde am Ende mit dem Sieg des Faschismus geschlagen, ohne gekämpft zu haben. Ganz ähnliche Prozesse hätten sich in der Periode nach 1945 in der Bundesrepublik wiederholt. Dabei stehen Gewerkschaften und Gesellschaft in einem engen Wechselverhältnis:

„Die Gewerkschaften können ja nie mehr sein, als […] Repräsentanten der Bewusstseinsstufe des fortgeschritteneren Teils der breiten Massen.“

Das bedeutet für Abendroth jedoch nicht, dass die Arbeiterbewegung in einer kapitalistischen Gesellschaft etwa durch die sozialpartnerschaftliche Einbindung von Gewerkschaften oder durch den Wandel der Arbeitswelt und des Selbstverständnisses der abhängig Beschäftigten dauerhaft zum Stillstand kommt.

Gegen derartige Auffassungen, die in den 1960er und 1970er Jahren  stark diskutiert wurden, macht Abendroth deutlich, dass die inneren Widersprüche der kapitalistischen Wirtschaft immer wieder spontane oder gewerkschaftliche Gegenaktionen erzwingen. Und mit diesen Aktionen könne man wieder Klassenbewusstsein aufbauen; in einer Weise, die auch nicht-marxistischen Gewerkschafter verständlich und akzeptabel ist.

Das ist für Abendroth ein sehr langwieriger und widerspruchsvoller Prozess, der ständig ablaufe und in dem man viel nur dann viel ausrichten könne, wenn wenigstens ein Teil der Gewerkschaftsfunktionäre, und sei er noch so klein, das Problem auch theoretisch zu fassen versucht.