Wirksame emanzipatorische Arbeiterorganisationen entstehen nicht durch Abspaltungen, sondern durch langfristig angelegte Klassenkämpfe.

Als das Kommunistische Manifest geschrieben wurde, stand die Revolution vor der Tür: Im Jahr 1847 verfasst, wurde es 1848 angenommen und gedruckt, während die Februarrevolution in Frankreich gerade begann.

Abendroth lenkt in seiner Vorlesung den Blick auf den Schlussteil des Manifests, der die damaligen strategischen Überlegungen von Marx und Engels – das Aktionsprogramm – für die Revolution enthält.

Für Abendroth stellt sich die Situation so dar: Marx und Engels waren sich Ende der 1840er Jahre bewusst, dass in naher Zukunft überall in Europa revolutionäre Massenbewegungen entstehen werden. Und sie richteten ihren Blick vor allem auf den Deutschen Bund, da sie annahmen, dass Deutschland am Vorabend einer bürgerlichen Revolution stehe.

Abendroth betont, dass Marx und Engels den Bund der Kommunisten als eine rein deutsche Gruppierung und keine internationale Partei verstanden hätten.  Und selbst in Deutschland – in den Staaten des Deutschen Bundes – seien die Kommunisten als illegal-konspirativ Zirkelgruppe bestenfalls eine vorbereitende Organisation und konnten keine Partei sein, die aus der Massenbewegung heraus entstehen kann. Es konnte also, so Abendroth, für Marx und Engels keine besondere kommunistische Partei neben den anderen Parteien geben. Sondern es ging ihnen um das Arbeiten in den Parteien.

Den Kommunistenbund verstanden sie in dieser Periode als Vorhut in den jetzt entstehenden Arbeiterparteien. Als bewusstesten Teil, der den Arbeitern zwar sagen konnte, wie sie sich verhalten sollen, aber nicht voraussetzen konnte, dass die Arbeiter das nachvollziehen, da sie aus ihren eigenen Erfahrungen und Kämpfen lernen müssten.

Abendroth versucht bei den Zuhörern ein Gespür für reale Kräfteverhältnisse zu entwickeln. Seine Ausführungen sind indirekte, über die historische Erzählung vermittelte Warnungen vor Parteispaltungen und Selbstüberschätzungen kleiner politischer Zirkel.

Für Abendroth gibt es einen nicht-hintergehbaren politischen Prozess: Kleine bewusste progressive Zirkel haben eine wichtige Funktion in der Vermittlung zwischen den Gruppierungen, Vermittlung von Analysen und Erfahrungen. Sie können aber Menschen ihre Lernprozesse nicht abnehmen. Diese könnten nur durch eigene Erfahrungen und Kämpfe die Verhältnisse verstehen und verändern lernen. Und erst aus den Massenbewegungen heraus entstehen wirkliche, historisch langfristig arbeitende und wirksame Massenorganisationen.

Deswegen kommt es für den Marxisten Abendroth darauf an, immer wieder die Voraussetzungen für eine Arbeiterbewegung zu schaffen.

Dieses Grundkonzept politischer Entwicklungsprozesse ist progressiv,  weil es zeigt, dass wirkliche Emanzipationsbewegungen nicht aus Indoktrination entstehen, sondern aus kollektiven Erfahrungsprozessen heraus.

Marx und Engels bleiben hier für Abendroth die zentralen Autoritäten, die zwar historisch sicher Fehleinschätzungen unterlagen aber in den grundsätzlichen Methoden richtig gelegen hätten.

Diese Betonung des Kommunistischen Manifests und die Interpretation von Abendroth ist nicht zuletzt eine indirekte Kritik an der politischen Programmatik der sozialdemokratischen und kommunistischen Parteien in den der Ära des Kalten Krieges. Beide verzichteten auf die Unterstützung revolutionärer, emanzipatorischer Massenbewegungen und versuchen, die Massen über Staatsapparate und Parteien von oben zu steuern.

Abendroth macht deshalb mit seiner historischen Analyse klar, dass man sich hierbei nicht auf Marx und Engels berufen könne, da für sie konspirative Organisationen nur Erscheinungen bestimmter historischer Übergangssituationen waren. Die Führung durch kleine Zirkel war für sie kein anzustrebendes Grundprinzip.

Weiterlesen

Wikisource: Manifest der Kommunistischen Partei (1848)

Wolfgang Abendroth (1997): Einführung in die Geschichte der Arbeiterbewegung, Bd. 1, 2. Auflage, Heilbronn, 49f.